Reise- und Hoteltipps

Unterwegs im Belmond Royal Scotsman

Von der hohen Kunst des Reisens

Das Streben nach Glück beherrscht unser Leben. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum wir reisen: Um Glück zu finden – und zu empfinden. Doch mehr noch: Wir reisen, um Schönheit zu entdecken, Wissbegierde zu stillen, Erhabenes zu erleben und Grenzen zu überschreiten. Doch kann das eine einzelne Reise bieten? Kann es. Unsere Autorin Friederike Hintze hat den Schlüssel zu all dem gefunden. Im Luxuszug Belmond Royal Scotsman. Hier wird die die hohe Kunst des Reisens zelebriert. Menschlich, kulturell und vor allem kulinarisch!

Langsam setzt sich der Zug an der Edinburgh Waverley Station in Bewegung. Die schottischen Klänge des Dudelsackspielers, der uns zuvor zum Einstieg geleitet hatte, wehen noch herüber. Die Musik sendet uns gute Abschiedsgrüße für unsere Reise. Ein Glas Laurent-Perrier in der Hand blicke ich vom Observation Car am einen Ende des Royal Scotsman auf die vorbeiziehende Stadt Edinburgh, die wir nun verlassen. Es geht nach Norden, Richtung Keith. Das bedeutet auch: Vor uns liegen erst einmal ein paar Stunden Fahrt …

Genau darin liegt der Zauber, wenn man mit dem Royal Scotsman Zug reist: Der Weg ist das Ziel. Die Fahrt ist das Erlebnis. Man sitzt beim Afternoon Tea, bei warmen Scones und Sandwiches auf plüschigen Sofas, unterhält sich mit anderen Gästen aus aller Welt – Kolumbien, Italien, Australien, USA, England, Deutschland – und schaut immer mal wieder aus dem Fenster. Zeigt auf Schafe. Bewundert die Weite der Landschaft. Es ist gewünscht, dass die Gäste mit-einander in Kontakt treten, sich austauschen, diskutieren, gemeinsam lachen und sich der Schönheit Schottlands hingeben. Und das Smartphone dafür beiseitelegen, den Laptop ausschalten. Wer kontaktscheu ist, findet sicherlich Rückzugsorte im Royal Scotsman – beispielsweise die hübsche kleine Privatkabine. Doch es macht so viel mehr Freude, wenn man Lust hat, neue, spannende Menschen zu treffen. Diese viereinhalb Tage an Bord bringen uns Reisende zusammen.

Von wolligen Schafen und faulen Seerobben
Die Route führt von Edinburgh über die Forth Railway Bridge, entworfen von Benjamin Baker, entlang der Ostküste nach Keith. Von dort aus geht es weiter in Richtung Kyle of Lochalsh im Westen des Landes. Die Landschaft der Highlands ist hier besonders eindrucksvoll und szenisch. Wir haben Glück mit dem Wetter und blicken auf stahlblauen Himmel, sattgrüne Wiesen, sanfte Hügel, wollige Schafe und kupferfarbene Highland Cows. Auf sorgfältig gebundene, sattgoldene Heuballen, silberfarbene Seen und wilde Wolkengebilde. Oktober in Schottland ist wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich – und noch ein wenig schöner.

Wir halten in Plockton für eine Bootstour zu wilden, faulen Seerobben. Ein kleines, gemütliches Abenteuer. In dicke Wolldecken gewickelt und mit whiskygefüllten Plastikbechern in der Hand, lassen wir uns den kalten Wind um die Nasen wehen und fühlen uns lebendig. Am Horizont spannt sich ein prächtiger Regenbogen über die Hügel und das Meer. Es soll nicht der letzte während dieser Reise sein.

Heute Regen. Morgen Whisky.
In Kyle of Lochalsh hält der Zug für die Nacht. Geschlafen wird stets an Bord, in unseren kuscheligen Kabinen: Kleine Raumwunder, ausgestattet mit eigenen Bädern und weichen Daunendecken. Hier, in Kyle of Lochalsh, schaffen wir es sogar, bei einem frühmorgendlichen Spaziergang für einen Moment auf die Isle of Sky – bei Nebel und Nieselregen. Es passt zur erhabenen Atmosphäre. Das Wetter ist in Schottland ohnehin eine Wundertüte. An manchen Tagen erlebt man vier Jahreszeiten. Wettervorhersagen gleichen eher Wahrsagerei.

Und wenn es dann regnet, kommentieren die Schotten das salopp mit den Worten: „Heute Regen. Morgen Whisky“. Denn immerhin ist klares, schottisches Quellwasser eine der wichtigsten Zutaten des Nationalgetränks. Darüber lernen wir viel bei einem Besuch der Glen Ord Distillery, eine der ältesten Destillerien des Landes. Es ist zwar Vormittag – das hält uns aber nicht davon ab, eine kleine Whisky-Verkostung zu genießen. Zwei Sorten des Highland Whiskys namens Singleton probieren wir. Einen 12 Jahre gereiften Singleton, der Noten von Toffee, Vanille und Orangen entfaltet. Und eine Artisal Special Edition – ein altersloser Whisky. Denn hier wurden verschiedene Sorten verschiedenen Alters vermengt. Intensiv und würzig, aber auch deutlich linearer ist diese Version. Insbesondere, wenn man einen Tropfen Wasser hinzugibt. Dann erst entfaltet sich die ganze Gewaltigkeit des Whiskys. Einziger Wermutstropfen: Die besondere Edition ist ausschließlich auf dem asiatischen Markt erhältlich. Ohnehin produziert die Glen Ord Distillery, die mittlerweile zu Diageo gehört, vornehmlich für asiatische Connaisseure, erklärt uns die Mitarbeiterin während der kleinen Tour. Dabei entdecken wir auch die gewaltigen Kupferkessel der Destillerie. Hier beginnt der sorgsame Destillationsprozess. Dass so ein vielschichtiges Getränk wie Whisky tatsächlich aus nur drei Zutaten, nämlich Korn, Hefe und Wasser, besteht, verwundert einen immer wieder.

Am dritten Tag geht es weiter gen Süden nach Boat of Garten. Wir besuchen Glamis Castle, wo die Queen Mum als junges Mädchen aufwuchs, und gehen Tontauben im Cairngorms Nationalpark schießen. Andere Gäste entscheiden sich für eine Angeltour. Wieder andere begeben sich auf eine Jeeptour. Den Tag darauf wiederum reisen wir bis nach Perth, und von dort aus wieder gen Edinburgh – um nur kurz die Route zu umreißen. Die Tage an Bord des Belmond Royal Scotsman sind gut gefüllt mit Aktivitäten und Ausflügen. Abends ist oftmals Programm an Bord: Gesang, Geschichten und Tanz aus der Region. Und so bekommen wir unzählige Facetten von Schottland auf dem Silbertablett serviert.

Das große Staunen
Gleiches gilt im Royal Scotsman für die Küche. Nicht nur die landschaftliche Schönheit erlebt man hier auf besonders angenehme und zugleich komprimierte Art und Weise. Gleiches gilt auch für die Vielfalt der schottischen Küche. Frühstück, Lunch und Dinner: Alles wird an Bord serviert. Zuständig dafür ist ein kleines, versiertes und top organisiertes Küchenteam unter der Führung des Head Chef Marc, der seit zehn Saisons an Bord des Belmond Royal Scotsman arbeitet, und der das kulinarische und logistische Zepter trägt. Selbst das Brot wird frisch an Bord gebacken, das Eis in einer bordeigenen Eismaschine kreiert. Eine logistische Meisterleistung. Und eine äußerst schmackhafte dazu.

Da kommt beispielsweise herausragendes Lachsfilet auf den Teller, leicht gesalzen, nahezu fettfrei und langsam bei niedriger Temperatur im Ofen gegart. So zart, so intensiv im Geschmack! Das einzig Traurige an der Sache ist, dass man nun Lachs nach dieser lukullischen Erfahrung kaum mehr anderswo essen kann. An einem anderen Abend wird Black Angus Steak serviert, genauer gesagt: Aberdeen Angus Steak aus dem Norden Schottlands. Das fein marmorierte, saftig zarte Fleisch schmilzt am Gaumen – und sorgt für Gesprächsstoff. Wie schafft die Crew es, für 32 Gäste Black Angus Steak derartig auf den Punkt zu garen – und gleichzeitig zu servieren? Und zwar in einer Küche, die in der Größe eher einem begehbaren Kleiderschrank ähnelt. „Alles eine Frage der Organisation“, antwortet unser bezaubernder Kellner Matej mit einem geheimnisvollen Lächeln – und lässt uns staunend zurück.

Zwei Formal Dinner finden während unserer Reise statt. Dann ist es gewünscht das die Passagiere, in Anzug und Abendkleid erscheinen. Oder besser noch im Kilt. Und wir fühlen uns an diesem Abend zurückversetzt in eine glamouröse Zeit, in der die Bessergestellten des Landes in eleganten Zügen wie diesem reisten, Champagner tranken, sorgfältig gegarten Lachs aßen. Oder Kaviar. Oder Heilbutt mit Crevetten. Oder Lammschulter mit gegartem Fenchel. Oder warmen Honey Cinnamon Bread and Butter Pudding. Eine Nachspeise wie eine warme Erinnerung – nur zum Essen.

Plüschig, aber nicht verstaubt: Das Interieur des Royal Scotsman ist urgemütlich. Im Observation Car wird der Afternoon Tea, Aperitif und Digestif serviert. Bei einem guten Glas Whisky lässt sich der Ausblick noch einmal mehr genießen.

Auf einen Drink im Observation Car
Es mag kaum verwundern, dass die Auswahl an Whisky-Sorten an Bord gigantisch ist. Für die Beratung ist Silvia zuständig, die uns kundig den Weg weist. Aus gutem Grund: Silvia besuchte 115 Destillerien in Schottland – entsprechend vielfältig und weitgefächert ist ihr Wissen. Und überhaupt lebt diese Reise vom Personal, denn man reist nun einmal nicht nur mit den Gästen, sondern auch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom Belmond Royal Scotsman. Die kümmern sich rührend, mit Charme, Witz und Hingabe um uns – und zwar jeden Tag. Dabei werden sich die Namen ebenso gemerkt wie das Lieblingsgetränk. Und so fühlen wir uns als Gäste während der gesamten Reise wohlig und gut aufgehoben. Da gibt es beispielsweise Sue, unsere britische Reisebegleiterin, die um keinen Spruch verlegen ist und scheinbar alles über das Land und die Leute, die Geschichte und die Bauten weiß. Eine wandelnde Enzyklopädie. Oder Genna „with a german G“, eine Berlinerin, die es für mehrere Jahre nach Schottland verschlug – und die mit ihrem kehligen, herzlichen Lachen den ganzen Waggon erwärmen kann. Selbst dann, wenn es draußen mal zugig ist. Oder der Train Manager Alex Zimmermann, den eine Aura von gelassener Professionalität umgibt. Er ist es auch, der mir an einem Abend die schottische Version des Cocktail-Klassikers Kir Royal empfiehlt. Das Besondere: Der Drink basiert auf Honig, einem Schuss Whisky, Champagner und Bramble – einem typisch schottischen Brombeerlikör. Die Kombination funktioniert: Der Whisky gibt dem Ganzen eine rauchige Note, die wiederum von dem Honig abgerundet wird, während der Champagner am Gaumen perlt und kitzelt. Ich stoße an, auf typisch schottische Art und Weise, rufe Slange Var – was so viel bedeutet wie „gute Gesundheit“ – und wünsche mir insgeheim noch viel mehr, dass die Reise niemals endet.

Doch das tut sie. Alles Schöne muss scheinbar ein Ende finden. Denn die hohe Kunst des Reisens besteht nun einmal auch darin, Abschied nehmen zu können. Als die Zeit dafür gekommen ist, an einem diesigen Freitagmorgen auf einem Bahnsteig in Edinburgh, werden unter den Gästen Nummern ausgetauscht und E-Mail-Adressen diktiert. Eine Umarmung hier, ein fester Händedruck dort: Nach fünf intensiven Tagen versprechen sich die meisten ein Wiedersehen. Ob das wirklich so kommen wird, zeigt die Zukunft. Was aber bleibt, ist die Erinnerung an ein Erlebnis – die, wie ein guter Whisky am Gaumen, wahrscheinlich noch lange nachklingen mag.

Friederike Hintze

www.louiseethelene.de
www.tft-mag.com

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