Pilze – steuer­freie Delika­tesse aus dem Wald

Karl-F. Lietz

Lesedauer: 10 Minuten

 

Ein Hauch Antike

„Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken – schwer ist es, auf Pilze zu verzichten.“ So rühmte Martial, der römische Epigram­ma­tiker, im 1. Jahrhundert n. Chr. die Schwam­merln – Steinpilz, Trüffel, Kaiserling – als Götter­speise. Noch heute umweht die Pilze etwas Mythi­sches: Sie erscheinen wie aus dem Nichts, wachsen über Nacht, schießen aus dem Boden oder verweigern sich trotzig.

Bis weit in den Oktober hinein haben die Pilze noch Saison, tobt jetzt die Jagd des kleinen Mannes auf das einzige Wildbret, das jedermann in freier Natur erbeuten kann. Die einen tun es profihaft mit Messer, Bürste und Körbchen; das sind dieje­nigen, die immer schon vor einem da waren. Andere trampeln mit der Zerstö­rungswut des Unkun­digen alles an Lecker­bissen nieder, was nicht in ihr Zweis­or­ten­pro­gramm aus Steinpilz und Pfifferling passt, oder sie ziehen in borniertem Leichtsinn durchs Gehölz, dem Tode nah, denn den Knollen­blät­terpilz mit dem Waldcham­pignon zu verwechseln ist gefähr­licher als ahnungslos einen Boxchampion zu belei­digen.

 

Wer das Bild von den Pilzen als dem Wildbret des kleinen Mannes geprägt hat, war wohl ein Sozial­ro­man­tiker aus dem 19. Jahrhundert. Heute ist der Vergleich nämlich ebenso unzutreffend wie ignorant. Immerhin werden Stein­pilze und die raren Kaiser­linge hundert­gramm­weise verkauft und sind teurer als Rehfleisch – gar nicht zu reden von Trüffeln und Morcheln. Und kleine, etwa zwei bis drei Zenti­meter hohe Pfiffer­linge von fester Konsistenz sind im Handel so gut wie nicht zu bekommen, also kulina­ri­scher Luxus.

Ob sie sprich­wörtlich aus dem Boden schießen oder sich verweigern und in der Erde bleiben, das hängt vom Wetter ab. Pilze sind launisch wie Diven. Mal drängen sie ungestüm ans Licht, dann wiederum machen sie sich rar. Pilze kommen und gehen, wie und wann es ihnen passt. Insofern gleicht die Suche nach nahrhaften Schwam­merln tatsächlich ein bisschen der Pirsch aufs Getier.

Kaiserling: Lecker­bissen der Cäsaren und früher dem Adel vorbe­halten.

Der wärme­lie­bende Kaiserling (Amanita caesarea), in Italien als Ovoli begehrt, ist schon im antiken Rom als Lecker­bissen geschätzt gewesen, dessen Zubereitung laut Plinius, wie er in seiner „Historia mundi naturalis“ schreibt, ein wahres, dem Hausherrn vorbe­hal­tenes Ritual war. Serviert worden ist diese Göttergabe auf kostbarem Silber. Der Pilz mit seinem leuchtend orange- bis schar­lach­rotem Hut, dem gelben, beringten Stiel und der weißen Scheide gedeiht in Gebieten mit mildem Klima – wuchs­mäßig beginnt er kugelig wie ein Eierkopf und entwi­ckelt sich nach und nach zum Hutpilz. Kenner goutieren sein festes Fleisch, dessen inten­sives und zugleich feines Aroma sich auch für rohe Zubereitung eignet: In Längs­richtung in hauch­dünne Scheiben schneiden – idealer­weise mit einem Trüffel­hobel –  mit etwas Olivenöl und Zitro­nensaft beträufeln, mit schwarzem Pfeffer und Meersalz würzen und pur, als Beilage zu einem Rinder­car­paccio oder auf einem kross gerös­teten Baguette genießen. Köstlich schmeckt der Kaiserling auch als Vorspeise: Fein geschnittene Scheiben zusammen mit einigen Thymi­an­blättchen in einer Butter-Olivenöl-Liaison beidseitig kurz erhitzen, je eine Minute lang bis sie dunkel­golden schimmern, danach feinfühlig salzen, pfeffern und mit etwas Zitro­nensaft beträufeln.

In der Küche stellen Pilze, von bayeri­schen und öster­rei­chi­schen Sammlern liebevoll auch schlicht genera­li­sierend „Schwammerl“ genannt, eine ebenso eigen­ständige wie die Sinne beglü­ckende Größe dar. Egal, ob es sich um einen statt­lichen Steinpilz, jungen Birkenpilz, freund­lichen Maronen­röhrling, farben­tollen Täubling, weißen Schopftintling, malerische Rotkappe, blassen Wiesen­cham­pignon, kurios gefächerte Krause Glucke, granat­roten Saftling oder einen niedlichen dotter­gelben Pfifferling alias Eierschwamm (Reherl, Dotterpilz, Gelbröhrchen sind weitere intime Volks­namen) handelt: Pilze sind wahre Küchen-Champions. Gegrillte Stein­pilze, die in der Butter­pfanne sanft gedüns­teten Hüte vom Parasol, makellos weiße Boviste, nur sekun­denkurz mit Butter in der Pfanne angeröstet, ein Salat von Kaiser­lingen, eine Krause Glucke oder als gastro­no­mi­sches i‑Tüpferl ein schmel­zendes Schwam­merl­ri­sotto mit Pfiffer­lingen bereiten dem Feinschmecker himmlische Wonnen.

Steinpilz

Kulina­risch besonders omnipotent ist der Steinpilz, was heißt: in der Küche vielfältig zuzube­reiten. Er schmeckt subtil mariniert auch roh als Salat, man kann ihn braten, dünsten, grillen, panieren, trocknen, einlegen und wer weiß nicht noch was alles mit ihm anstellen. In der puren Präpa­ration wird er seine Vorzüge vermutlich am besten entfalten: Bei mittlerer Hitze gute Butter oder feinstes Olivenöl heiß werden lassen, darin klein­ge­schnittene Schalotten andünsten und grobwür­felig geschnittene Stein­pilze dazugeben. Wenn die Pilze goldfarben sind wie fürs Fotoalbum, einige frische Salbei­blätter kurz mitrösten lassen; wer mag, kann schließlich auch noch eine Handvoll gekochter Bandnudeln dazutun. Dazu schmeckt am besten ein ausge­reifter, nicht säure­be­tonter Weißwein, beispiels­weise ein Weißbur­gunder oder eine Spätlese vom Riesling, aber auch ein Chardonnay aus dem Burgund ist keine schlechte Wahl.

Pfiffer­linge

Im Gegensatz zum aristo­kra­ti­schen, stämmig sich empor wölbenden Steinpilz, den farben­tollen Täublingen oder maleri­schen Rotkappen geben sich die dotter­gelben Pfiffer­linge in Wuchs und Farbe bescheiden. Mit ihrem raffi­nierten, würzig-süßlichem bis leicht pfeffe­rigem und nussigem Geschmack gehören sie freilich zu den belieb­testen Pilzen. Exemplare von sieben, acht, neun Zenti­metern mit der typisch breiten, nach oben gewölbten Trich­terform, wie sie vor allem auf Märkten angeboten werden, gehören schon zu den Riesen der Gattung, die der Lateiner melodiös Cantha­rellus cibarius nennt. Über ein deutlich feineres Aroma verfügen aller­dings die kleinen, gerade mal finger­hut­großen Schwam­merln mit rundem Hut, die bevorzugt im Nadelwald wachsen, nicht so gerne auf Moos oder grasigen Lichtungen.

 

Kleine irrtümer, große Wahrheiten

+ Pilzge­richte dürfen nicht aufge­wärmt werden. Falsch! Kühl gelagerte Pilzspeisen können problemlos bis zu 24 Stunden nach ihrer Zubereitung aufge­wärmt werden.

+ Schnecken und Würmer meiden giftige Pilze. Falsch!

+ Giftige Pilze verfärben sich an Schnitt­stellen blau. Auch gute Speise­pilze – wie beispiels­weise der feine Maronen­röhrling – reagieren auf Druck mit einer blauen Verfärbung.

+ Pilze sind roh unver­träglich. Weitgehend richtig, aber in dieser Absolutheit falsch! Kultur­cham­pi­gnons und vor allem der Steinpilz sowie der Kaiserling schmecken, mariniert, auch ungegart.

Rezepte, die bleiben:

Eierschwämmchen

Leckere Freude vermitteln sautierte Eierschwämmchen: In einer Pfanne, möglichst Kupfer, bei starker Hitze feinstes Olivenöl, Butter oder eine Liaison aus beidem rauchig heiß werden lassen, darin klein geschnittene Schalotten nebst etwas gequetschtem Knoblauch andünsten und grobwür­felig geschnittene Schwammerl dazugeben (die natürlich geputzt, doch um Himmels willen nicht gewaschen wurden). Austre­tende Flüssigkeit entfernen; dies sollte nach Bedarf wiederholt werden, wobei darauf zu achten ist, daß die Schwam­merln bißfest bleiben. Pfiffer­linge verlieren beim Braten relativ viel Wasser – große Exemplare weitaus mehr als kleine. Köche nennen diesen Prozeß sinnig „flöten“, weil die Schwam­merln dabei leise seufzend Pfeiftöne abgeben (alter­nativ werden die Schwammerl vor der eigent­lichen Koch- und Würzpro­zedur erst in einer glutheißen Pfanne trocken angeröstet, bis die Flüssigkeit verdampft ist).

Danach mit Salz, Pfeffer, Zitro­nen­thymian und eventuell einem Hauch von Chili würzen, weitere Butter­flocken beimengen und das Gericht einige Minuten lang sautierend vollenden, dabei die Pfanne stets in Bewegung halten. Beim Servieren mit gezupfter Peter­silie bestreuen.

Pilzragout

Köstlich schmeckt ein Pilzragout, delikat ein Gulasch aus Pfiffer­lingen. Der Halli­masch, fest gekocht mit Zwiebeln und Speck, ergibt ein rusti­kales Gericht. Dagegen gleicht der nur leicht in Butter angeröstete Hut vom Riesen­schirmling (Parasol) einem geschma­ckigen Wölkchen, so fein und zart schmeckt er wie Kalbfleisch mit Nüssen. Champi­gnons (die dunklen verfügen übrigens über ein dichteres Aroma als die hellen) schmecken roh als Salat oder püriert in der Suppe plus einem Spritzer Pernod, was das natür­liche Anisaroma unter­streicht. Mit Stein­pilzen läßt sich ein herrliches Risotto anrichten und sie schmecken, in dünne Scheiben geschnitten, auch roh in der Form eines Carpaccio, also mariniert mit einigen Tropfen feinstem Sherry­essig plus Olivenöl und zart vervoll­kommnet mit Walnussöl. Das ist Natur pur.

Kartoffel-Carpaccio mit Stein­pilzen

Kartoffel – idealer­weise mit dem Gurken­hobel – in hauch­dünne Scheiben schälen, die blanchieren, eiskalt abschrecken, trocken tupfen, mit zerlas­sener Butter vermengen, dachzie­gel­artig auf dem Teller anrichten und, gewürzt mit Salz sowie Pfeffer nebst einem Hauch von Muskat, unter dem vorge­heizten Grill rasch goldgelb und knusprig werden lassen. Geputzte Stein­pilze längs in Scheiben schneiden und in Butter braten, salzen, pfeffern und auf dem Kartoffel-Carpaccio anrichten.

Risotto mit Stein­pilzen

Ein Fürst unter den Speisen ist das Risotto mit Stein­pilzen. Dafür ein halbes Kilo Pilze in 50 Gramm Butter zwei bis drei Minuten lang sanft anrösten und danach beiseite stellen. Nun vier Schalotten fein würfeln, in weiteren 50 Gramm Butter glasig dünsten. Etwa 300 Gramm Risot­toreis dazu geben, eine bis zwei Minuten kurz andünsten, nach und nach mit Hühner­brühe auffüllen, nach Belieben auch ein Glas Weißwein der geschmei­digen Art (Riesling, Chardonnay, Graubur­gunder) hinzu­fügen, alles an die 20 Minuten köcheln lassen – immer wieder umrühren. Wenn der Reis nahezu vollständig aufge­quollen ist, die Stein­pilze rührend darunter mengen, salzen, pfeffern, nötigen­falls weitere Brühe hinzu gießen. Schließlich furchtlos etliche kalte Butter­flocken und gehackte Peter­silie einrühren (nach persön­lichem Gusto auch gerie­benen Parmesan), einige Minuten lang fertig garen lassen.

Kulina­rische Pretiosen

Pilze sind seit jeher geheim­nis­um­woben. Der Mensch hat sie mit Wunder­barem gleich­ge­setzt und mit Schreck­lichem. Den Griechen galten sie als Götter­speise. Geht man jedoch von einer natur­kund­lichen Schrift aus dem 16. Jahrhundert aus, so ist kein Pilz der Gesundheit zuträglich. Die Römer wiederum vermu­teten, dass sie einer Verei­nigung des Himmels mit der Erde entstammen – und zwar gezeugt durch einen Blitz. Aristo­phanes wunderte sich: „Jetzt noch ein Nichts und morgen allge­waltig.“

Das war gut beobachtet, denn Pilze wachsen quasi über Nacht. Doch ansonsten gilt, dass unsere Altvor­deren wenig über Pilze wussten. So konnte Hildegard von Bingen, eine weise Frau, deren natur­kund­liche Studien zumal in esote­ri­schen Kreisen neu beachtet werden, noch schreiben, dass die Pilze keine besondere Speise abgeben würden.

Was für ein Irrtum! Man nehme Pfiffer­linge, die kann man braten und dünsten, als Sülze, Risotto, Ragout oder Gulasch auf den Tisch bringen. Sie lassen sich gut einfrieren – und sauer einlegen: Bevorzugt kleine Exemplare grob putzen, kurz waschen (ist in diesem Fall vertretbar, weil die Pilze ja gekocht werden), in kochendem, leicht gesal­zenem Wasser zusammen mit einer Zwiebel cirka zehn Minuten lang blanchieren. Wasser abgießen, Zwiebel wegwerfen, Pilze kurz ausdampfen lassen, in Einmach­gläser verteilen, vollständig mit einem fünf Minuten lang gekochten Sud aus gleichen Teilen Wasser sowie Essig plus etwas Zucker, Piment, Pfeffer­körnern, Wachol­der­beeren, Rosmarin, Gewürz­nelken zugießen und obendrauf mit Olivenöl abdecken. In jedes Glas ein Lorbeer­blatt und einige Pfeffer­körner legen, eventuell auch ein Zweiglein Thymian oder Estragon. Das läßt sich einfach herstellen und ist den Winter über eine Delika­tesse zu Käse, Schinken, kalten Braten, Pasta und ähnlichen köstlichen Vulga­ri­täten.

Auf die gleiche Weise lassen sich Rotkappen und Stein­pilze konser­vieren – und nach Gusto danach auch rösten. Heinz Reitbauer, der geniale öster­rei­chische Koch wäscht die im Herbst einge­legten Stein­pilze kurz ab, trocknet und röstet sie in der Pfanne und sagt dazu: „Norma­ler­weise essen wir sie als Happen aus dem Glas, gekocht werden immer nur frische Pilze. Nie hätte ich es für möglich gehalten, aber die Säure geht beim Rösten aus dem Pilzfleisch heraus. Ich konnte kaum unter­scheiden, ob es ein frischer oder einge­legter Pilz ist!“.

Pfiffer­linge waschen oder nicht?

Das ist keine Glaubens‑, sondern eine reine Geschmacks­frage. Wer je einen Haufen Schwam­merln vor sich liegen gesehen hat, den hat bei der Vorstellung, das alles mit der Hand zu putzen, sofort lähmendes Entsetzen erfüllt und den Gedanken an Wasser virulent werden lassen. Waschen würde die Pfiffer­linge aufschwemmen – sie saugen Flüssiges auf wie ein Schwamm. Also ist Geduld angesagt, was praktisch heißt, daß jedes Schwammerl und sei es noch so klein, sorgfältig mit Pinsel, Bürste, Tuch und Messer gereinigt werden muß, um das feine und zarte Pilzaroma komplett in seiner Reinheit zu erhalten.

Generell gilt, dass man bei Pilzge­richten nur diskret mit Gewürzen umgeht; das natür­liche Aroma soll ja nicht überdeckt und schon gar nicht verfremdet werden. Stein­pilze oder Pfiffer­linge, in Butter kurz angedünstet, sind für sich allein eine Kostbarkeit. Christian Jürgens, Dreis­ter­nekoch im Hotel Überfahrt am Tegernsee, rät, eine halbe ungeschälte Knoblauchzehe mitzu­braten („Das gibt Aroma“) und erst zum Schluß zu salzen und zu pfeffern.

Joel Robuchon, Franzose und einer der besten Köche der Welt, kreierte ein wagemutig klingendes Pilzrezept von schmel­zender Wonne: Er röstete Pfiffer­linge mit getrock­neten Aprikosen und frischen Mandeln, serviert als Beilage zu Wild- und Geflü­gel­ge­richten. Das ist Raffi­nesse pur. In Kombi­nation mit einem Glas Wein, vielleicht einer Riesling-Spätlese vom Rhein, einem geschmei­digen Chardonnay à la Meursault aus dem Burgund oder Grünem Veltliner der Gütestufe Smaragd aus der Wachau ergibt das ein Mahl, bei dem der Lärm der Welt draußen bleibt.

Der Fliegenpilz: geheim­nisvoll, giftig und heilsam

Stein­pilze können scheu sein wie ein Reh, nur der Fliegenpilz stellt sein Kardi­nalsrot ungeniert und augen­be­törend zur Schau. Wer den Lockungen erliegt und etwas davon nascht, wird nicht sterben, doch Hallu­zi­na­tionen erleben, wie sie Lewis Carroll in „Alice im Wunderland“ beschreibt: „Alice aß den Pilz, auf dem die Raupe saß und an ihrer Pfeife schmauchte. Daraufhin konnte sie nach Belieben größer oder kleiner werden.“

Fliegen­pilze hat man in früheren Zeiten als Droge genommen, maßvoll dosiert gegen bestimmte Krank­heiten, aber auch, um sich daran zu berau­schen. Wolfgang Bauer, Psychologe und Volks­kundler, widmet als Heraus­geber und Autor dem Fliegenpilz 128 reich und hübsch illus­trierte Seiten, in denen gleicher­maßen infor­mativ wie unter­haltsam und – ja, das ist bei einem wissen­schaftlich grundierten Thema möglich – amüsant über den schönsten Pilz berichtet wird, der ein Symbol für Gefähr­lichkeit ist, zugleich ein Synonym für das Glück und vermutlich das älteste bewußt­seins­ver­än­dernde Mittel der Menschheit.

Der heilige Pilz hat Schamanen bei ihren Seelen­reisen zu Geistern und Göttern begleitet – und er tut es heute noch. Er half bei der Suche nach Verlo­ren­ge­gan­genem und der Erfor­schung der Zukunft. Das Geheimnis um seine rituelle Verwendung wurde in archai­schen Kulturen streng gehütet. Eremiten naschten am Pilz und erhofften sich erdferne Visionen. In Götter­mythen und Zauber­märchen spielt der farben­prächtige Pilz ebenso eine Rolle wie in der fantas­ti­schen Literatur; und er wird als Schmerz- und Heilmittel einge­setzt, speziell bei nervösen Leiden.

Buchtipp: Der Fliegenpilz, Wolfgang Bauer, AT Verlag, 128 Seiten, 17,5 x 25 cm, ca. 20 Euro.

Giftpilze: ein Nachschla­gewerk für Sammler, Biologen, Apotheker und Ärzte

Man weiß nicht, wie lange der Mann noch gelacht hat, der auf die Mahnung, nur eßbare Pilze zu sammeln, ignorant grinsend erwiderte: „Klar, giftige kenn‹ ich gar nicht“. Vielleicht hieß es von ihm kürzlich in der Zeitung, ein Mann sei mit schwerer Pilzver­giftung ins Krankenhaus einge­liefert worden. „Hände weg vom Unbekannten“, warnen denn eindringlich in jeder Saison die Pilzbe­ra­tungs­stellen. Dies zu beher­zigen kann lebens­rettend sein. Gleich­falls angebracht ist Mißtrauen gegenüber Bauern­regeln, wie man angeblich giftige Pilze von guten unter­scheidet. Einen Silber­löffel solle man mitkochen, wird empfohlen, und verfärbe sich der, so verzichte man auf das Gericht. Das ist so unsinnig wie die Warnung vor Pilzen mit scharfem Geruch (Pfiffer­linge, die Braven, haben ein pfeffer­ar­tiges Aroma, hingegen duftet der tödliche Knollen­blät­terpilz angenehm nach Honig) oder solchen, die sich beim Kochen poppig verfärben.

Farben sagen nichts über Wohlge­schmack oder Giftigkeit eines Pilzes aus Es gibt Täublinge mit greller Farbe, die überaus gut schmecken. Das weiße Fleisch der Rotkappen wechselt beim Kochen übers Gräulich­grüne bis zum satten Schwarz. Anderer­seits zählen farbarme Pilze zu den ungenieß­baren oder giftigen Sorten. Von den weltweit etwa 150 000 bekannten Arten – gut doppelt so viele werden noch vermutet – sind an die 2 000 für die Küche geeignet. Aber man muß schon ein Doktor der Mykologie sein, wie man die Wissen­schaft von den Pilzen nennt, um sich in dieser Sorten­vielfalt zurecht­zu­finden; zumindest sollten die Sammler in der Lage sein, die ungenieß­baren und die tödlich giftigen à la Pantherpilz oder Knollen­blät­terpilz von den eßbaren unter­scheiden zu können.

Handbücher mit erstklas­sigen Fotos und Beschrei­bungen können hilfreich sein – wie das Standardwerk über Giftpilze von Dr. René Flammer, der sich als Arzt und Sammler zeitlebens mit Pilzen befaßt hat und in dem 204 seitigen Buch eine reich bebil­derte Sammlung von Pilzen vorlegt, ergänzt um diagnos­tische Hinweise, medizi­nisch-toxiko­lo­gische Erläu­te­rungen und das Verhalten bei einem Notfall. Für den laien­haften Sammler wird das Buch eine schwere Kost sein, doch für Ärzte, Apotheker, Biologen und Experten ist es ein wertvolles Nachschla­gewerk.

Buchtipp: Giftpilze, René Flammer, AT Verlag, 204 Seiten, 17 x 24 cm, ca. 40 Euro

Täubling-Terrine, Pilz-Bolognese, Pilzri­sotto & Co

Der Titel ist schlicht: Pilzküche. Der Autor, Dieter Gewalt, ein Pilzbe­rater in Frankfurt, beschreibt ohne litera­ri­schen Anspruch, also kurz und fakten­ori­en­tiert, sozusagen handsam, die wesent­lichen Merkmale bekannter Speise­pilze. Den Schwer­punkt des Büchleins mit den 160 Seiten bilden die Rezepte, darunter auch welche mit exoti­schen Einsprengseln wie etwa ein asiati­sches Pilzragout mit Garnelen, ein Schopftintling-Schinken-Röllchen mit einem Mango-Dip oder Sommer-Stein­pilze mit einem Mango-Wasser­me­lo­nen­salat. 

Weitere, solide beschriebene Rezepte sind: Champignon-Lamm-Topf, Edelreizker-Rukola-Salat, Einge­legte Pilze, Gefüllte Auber­ginen mit Krause Glucke, Herzhafter Pilzschmarrn, Hexen­röhr­linge mit Pfirsichchutney, Stein­pilz­pizza, Gebackene Pilz-Polenta, Pfifferling-Kartof­fel­salat mit Wiener Schnitzel (die vom Autor angege­benen zwei Eßlöffel Butter­schmalz dürften aller­dings nicht ausreichen, um die Schnitzel derart locker im Fett schwimmen zu lassen, so daß die Panade nach Vorschrift altböh­mi­scher Köchinnen darin quasi souffliert).

Eine aparte Anregung ist das Pilzsalz: 100 Gramm getrocknete Pilze werden in einer Küchen­ma­schine fein gemahlen, danach mit 200 Gramm grobem Meersalz (Fleur de sel) 
vermengt und erneut gut durch­gemixt, bis sich alles gleich­mäßig vermischt hat. Anschließend in ein Schraubglas füllen »und innerhalb eines Jahres aufbrauchen«. Das Salz inten­si­viert das Aroma in diversen Pilzge­richten, eignet sich auch zum Würzen von Salaten, Nudel- sowie Reisge­richten und gegrilltem Fleisch. Ein Tipp vom Autor: Geputzte Pilze zerteilen und auf einem Backblech an warmer Stelle einige Tage lang trocknen lassen; die Pilze müssen vollständig durch­ge­trocknet sein. Schneller geht es, indem die Pilze etwa drei Stunden lang in dem auf 70 Grad vorge­heizten Backofen (bei offener Türe) getrocknet werden.

Buchtipp: Pilzküche, Dieter Gewalt, Tre Torri Verlag, 160 Seiten, 21 x 26 cm, ca. 20 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

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