Küchen­klas­siker: Der große Braten.

Karl-F. Lietz

Lesedauer: 2 Minuten

Küchen­klas­siker: Der große Braten
Triumph des Geschmacks kontra Blingbling

Unter classicus verstanden die alten Römer ein Werk „zum ersten Rang“ – formvoll­endet in Harmonie und, wenn es ums Essen ging, im Geschmack. Klassiker der Kochkunst sind überall dort zu Hause, wo ein Koch am Herd steht, der nach allen techni­schen Eskapaden wieder den bewährten Rezepten folgt – nach dem Leitmotiv: Küche statt Bling-Bling. Unsere Klassiker-Serie ehrt diese Kunst, die Hoch- und Bürger­küche gleicher­maßen umfasst. Heute: der große Braten.


Duft von Glück

Wenn ein Hasen­rücken im eigenen Saft und Rotwein schmurgelt, wenn eine Poularde verhei­ßungsvoll im Ofen bräunt, wenn ein Bauern­schwein stundenlang leise brutzelt, dann ist es nicht nur der Braten, der gart. Es sind auch Erinne­rungen, die aus der Kasse­rolle aufsteigen – an Sonntage, an Famili­en­har­monie. Gerade jetzt, wenn die Tage fröstelnd schrumpfen und die Nächte aus der blumen­losen Erde dunkler empor­wachsen, hat der große Braten seine schönste Saison.

Der Winter wird zum Freund, den man herzlich empfängt. Für den Gourmet schlägt jetzt die Stunde der Kalbs­stelze, der Lammhaxe, der Gans. Kaum etwas in der Küche besitzt mehr Erotik als ein mit Liebe zuberei­teter Braten. Schon das appetitlich schim­mernde, an eine Stradivari erinnernde Goldbraun einer Poularde ist ein Versprechen, lange bevor der erste Bissen die Sinne erobert.


Rehabi­li­tierung eines Giganten

Lange galt der Braten in der feinen Küche als verpönt – zu groß, zu rustikal. Die Nouvelle Cuisine bevor­zugte hauch­dünne Scheibchen, akribisch fächer­förmig drapiert. Hübsch fürs Auge, aber der Duft – längst entwischt. Auch heute noch klecksen Spitzen­köche gern mit Schäumchen und Mini-Gemüse umher. Tachismus auf dem Teller, doch wo bleibt der große Geschmack?

Umso erfreu­licher die stille Renais­sance des Bratens. Immer mehr Köchinnen und Köche erkennen: Die Wieder­be­lebung dieser Kunst ist kein Rückfall in kulina­rische Steinzeit, sondern ein Schritt nach vorn – hin zu einer Küche mit Charakter, zu einem Hauptgang, der wieder Hauptgang sein darf.


Große Braten, große Literatur

Ob Poularde, Lammkeule, Fasan oder fünf Kilo Ochsen­hüfte: Im Ganzen gegart, entfalten sie jene wollüstige Küchen­erotik, die schon Meister wie Escoffier zelebrierten. Lesen Sie seine Ausfüh­rungen zum Boeuf à la Mode – reine Gastro­nomie-Literatur. Und wer einmal ein makel­loses Filet Wellington oder eine Poularde à la Marengo gekostet hat, weiß, dass hier wahre Klassiker auf ihren zweiten Frühling warten.


„Es wird mit Recht ein guter Braten gerechnet zu den guten Taten!“ – Wilhelm Busch.

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