Rothenburg sucht einen neuen Nacht­wächter

Karl-F. Lietz

Lesedauer: 4 Minuten

Die Stadt und ihr Erzähler

Rothenburg sucht einen neuen Nacht­wächter oder eine Nacht­wäch­terin.

35 Jahre lang zog Hans Georg Baumgartner mit Umhang, Helle­barde, Horn und Laterne durch das nächt­liche Rothenburg ob der Tauber und wurde dabei selbst zu einer Attraktion der weltbe­rühmten Stadt. Am 31. Oktober 2026 geht der legendäre Nacht­wächter auf seine letzten Runden. Nun wird ein Nachfolger gesucht – für einen der wohl ungewöhn­lichsten Jobs Deutsch­lands.

Über Rothenburg ob der Tauber ist viel geschrieben worden. „Eine Stadt, deren Gesicht auf eine Postkarte gepresst wurde“, heißt es bei Hans Dieter Schmidt in seinem lesens­werten Taubertal-Buch „Melusine und schwarze Wasser“. Der bedeu­tende Kunst­his­to­riker Georg Dehio bezeichnete die Stadt „als Ganzes“ als Denkmal. Herbert Schindler wiederum fand hier in seinem Buch über die Roman­tische Straße „reines, großes Mittel­alter“. Und schließlich wurde Rothenburg sogar zur „Lieblings­stadt der Welt“ erklärt.

Türme und Tore, Kirchen und Bürger­häuser, Mauern und verwin­kelte Gassen: Wie kaum ein anderer Ort verkörpert Rothenburg das Idealbild einer mittel­al­ter­lichen Stadt. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt hinter der berühmten Silhouette eine Geschichte voller Brüche, Verän­de­rungen und Neuan­fänge.

Die ehemals Freie Reichs­stadt, die 1802 an Bayern fiel und heute zu Mittel­franken gehört, ist mit ihren gerade einmal rund 11.000 Einwohnern ein inter­na­tio­naler Touris­ten­magnet. Wer jedoch in der Neben­saison oder am späteren Abend kommt, kann Rothenburg von einer anderen Seite kennen­lernen. Dann leeren sich die Gassen, und hinter der Postkar­ten­ku­lisse lässt sich eine erstaun­liche Fülle kunst­his­to­ri­scher Schätze entdecken.

Rothenburg als Sehnsuchtsort

Das Selbst­be­wusstsein der alten bürger­lichen Stadt­kultur ist bis heute spürbar. Über Jahrhun­derte bestimmten Handel, Handwerk und ein selbst­be­wusstes Bürgertum das Leben innerhalb der Mauern.

Doch Rothen­burgs heutige Bedeutung gründet nicht allein in seiner mittel­al­ter­lichen Vergan­genheit. Entscheidend war auch die Wieder­ent­de­ckung der Stadt im 19. Jahrhundert. Die Romantik schärfte den Blick für das Mittel­alter und histo­rische Stadt­bilder. Künstler und Reisende fanden in Rothenburg jene Verbindung von Archi­tektur, Geschichte und Landschaft, die ihnen in einer sich rasant moder­ni­sie­renden Welt zunehmend verloren schien.

Auch Maler entdeckten die Stadt. Künstler des Bieder­meier und der Romantik wie Carl Spitzweg trugen dazu bei, das Bild Rothen­burgs als Ort zwischen Wirklichkeit und Erinnerung zu verbreiten. Die Stadt wurde nicht nur betrachtet, sondern imagi­niert: als Symbol einer vermeintlich bewahrten Welt und als Sehnsuchtsort für das Gewachsene und Dauer­hafte.

Dabei war Rothenburg nie nur idyllische Kulisse. Wirtschaft­licher Wandel, religiöse Konflikte und gesell­schaft­liche Umbrüche gehören ebenso zu seiner Geschichte wie der Dreißig­jährige Krieg, der politische Bedeu­tungs­verlust nach dem Ende der Reichs­stadtzeit und die schweren Zerstö­rungen des Zweiten Weltkriegs.

Gerade der Wieder­aufbau nach 1945 stellte eine grund­sätz­liche Frage: Wie kann eine histo­rische Stadt mit ihrer Vergan­genheit weiter­leben, ohne selbst zum Museum zu werden?

Wenn die Nacht­wache beginnt

Rothenburg hat darauf seine eigene Antwort gefunden. Die Stadt bewahrte ihre histo­rische Gestalt und blieb dennoch lebendig. Besonders eindrucksvoll lässt sich das am Abend erleben, wenn die großen Besucher­ströme verschwunden sind.

Zu dieser Stunde gehört seit mehr als drei Jahrzehnten ein Mann, der für unzählige Gäste selbst zum Bestandteil Rothen­burgs geworden ist: Hans Georg Baumgartner, der Rothen­burger Nacht­wächter.

Im April 1991 übernahm Baumgartner seine erste Führung. Aus der histo­ri­schen Figur entwi­ckelte er nach und nach „seinen“ Nacht­wächter – nicht als bloßes Kostüm, sondern als erzäh­le­ri­schen Zugang zur Geschichte Rothen­burgs.

Wir haben ihn selbst erlebt: diesen kuriosen Nacht­wächter-Schau­spieler mit Schalk im Nacken, der seine Zuhörer durch die Gassen führt und dabei Geschichte lebendig werden lässt. Schwarzer Umhang, Dreispitz, Helle­barde, Horn und Laterne gehören zur Insze­nierung. Die eigent­liche Stärke seiner Figur aber liegt in der Verbindung von histo­ri­schem Wissen, Humor und Darstel­lungs­kunst.

35 Jahre lang war die Stadt seine Bühne.

Bis zu 200 Menschen beglei­teten Baumgartner bei einzelnen Rundgängen. Gäste aus aller Welt verbanden ihre Erinnerung an Rothenburg fortan auch mit dieser Stimme aus der Nacht.

Der Nacht­wächter wurde damit selbst ein Stück Stadt­ge­schichte und Baumgartner zu einem Botschafter Rothen­burgs – bei seinen Führungen ebenso wie bei Veran­stal­tungen, Medien­auf­tritten und offizi­ellen Anlässen, darunter der Reiter­les­markt und die Reichs­stadt-Festtage.

 

Eine Ära endet

Nun endet diese außer­ge­wöhn­liche Karriere. Am 31. Oktober 2026 um 20 Uhr und 21.30 Uhr wird Hans Georg Baumgartner seine letzten beiden Runden durch die Rothen­burger Altstadt drehen.

Doch der Nacht­wächter soll weiter­leben.

Rothenburg ob der Tauber sucht einen neuen Nacht­wächter.

Gesucht wird eine Persön­lichkeit, die der histo­ri­schen Figur eine eigene Stimme gibt und sie weiter­ent­wi­ckelt: mit schau­spie­le­ri­schem Gespür, histo­ri­schem Interesse, Freude am Erzählen und vor allem mit der Fähigkeit, Menschen aus aller Welt für Rothenburg zu begeistern.

Die Bedeutung der Figur reicht längst weit über die Stadt­grenzen hinaus. Besucher aus den USA, Kanada oder Australien kommen nach Rothenburg, um den „Original Rothenburg Night­watchman“ zu erleben. Selbst inter­na­tional ist die Figur medial präsent und war unter anderem bei NBC sowie beim brasi­lia­ni­schen Fernseh­sender Globo zu sehen.

Nun braucht die Stadt eine neue Stimme für die Nacht – einen Erzähler, der seine Gäste auf eine Reise durch Geschichte, Erinnerung und Gegenwart mitnimmt.

Denn Geschichte bleibt nur lebendig, wenn sie immer wieder neu erzählt wird.

Aussteiger gesucht?

Vielleicht ist es also Zeit für einen Berufs­wechsel: Schreib­tisch gegen Kopfstein­pflaster, Laptop gegen Laterne, Business-Sakko gegen schwarzen Umhang.

Zum Frühjahr 2027 wird ein Darsteller (m/w/d) für die Rolle eines vormo­dernen Nacht­wächters aus Mittel­alter bezie­hungs­weise Früher Neuzeit gesucht. Die Rolle ist als männliche histo­rische Figur angelegt.

Bewer­bungs­schluss ist der 31. August 2026.

Weitere Infor­ma­tionen zur Ausschreibung gibt es bei der Stadt Rothenburg ob der Tauber.

 

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