Die Stadt und ihr Erzähler
Rothenburg sucht einen neuen Nachtwächter oder eine Nachtwächterin.
35 Jahre lang zog Hans Georg Baumgartner mit Umhang, Hellebarde, Horn und Laterne durch das nächtliche Rothenburg ob der Tauber und wurde dabei selbst zu einer Attraktion der weltberühmten Stadt. Am 31. Oktober 2026 geht der legendäre Nachtwächter auf seine letzten Runden. Nun wird ein Nachfolger gesucht – für einen der wohl ungewöhnlichsten Jobs Deutschlands.
Über Rothenburg ob der Tauber ist viel geschrieben worden. „Eine Stadt, deren Gesicht auf eine Postkarte gepresst wurde“, heißt es bei Hans Dieter Schmidt in seinem lesenswerten Taubertal-Buch „Melusine und schwarze Wasser“. Der bedeutende Kunsthistoriker Georg Dehio bezeichnete die Stadt „als Ganzes“ als Denkmal. Herbert Schindler wiederum fand hier in seinem Buch über die Romantische Straße „reines, großes Mittelalter“. Und schließlich wurde Rothenburg sogar zur „Lieblingsstadt der Welt“ erklärt.
Türme und Tore, Kirchen und Bürgerhäuser, Mauern und verwinkelte Gassen: Wie kaum ein anderer Ort verkörpert Rothenburg das Idealbild einer mittelalterlichen Stadt. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt hinter der berühmten Silhouette eine Geschichte voller Brüche, Veränderungen und Neuanfänge.
Die ehemals Freie Reichsstadt, die 1802 an Bayern fiel und heute zu Mittelfranken gehört, ist mit ihren gerade einmal rund 11.000 Einwohnern ein internationaler Touristenmagnet. Wer jedoch in der Nebensaison oder am späteren Abend kommt, kann Rothenburg von einer anderen Seite kennenlernen. Dann leeren sich die Gassen, und hinter der Postkartenkulisse lässt sich eine erstaunliche Fülle kunsthistorischer Schätze entdecken.
Rothenburg als Sehnsuchtsort
Das Selbstbewusstsein der alten bürgerlichen Stadtkultur ist bis heute spürbar. Über Jahrhunderte bestimmten Handel, Handwerk und ein selbstbewusstes Bürgertum das Leben innerhalb der Mauern.
Doch Rothenburgs heutige Bedeutung gründet nicht allein in seiner mittelalterlichen Vergangenheit. Entscheidend war auch die Wiederentdeckung der Stadt im 19. Jahrhundert. Die Romantik schärfte den Blick für das Mittelalter und historische Stadtbilder. Künstler und Reisende fanden in Rothenburg jene Verbindung von Architektur, Geschichte und Landschaft, die ihnen in einer sich rasant modernisierenden Welt zunehmend verloren schien.
Auch Maler entdeckten die Stadt. Künstler des Biedermeier und der Romantik wie Carl Spitzweg trugen dazu bei, das Bild Rothenburgs als Ort zwischen Wirklichkeit und Erinnerung zu verbreiten. Die Stadt wurde nicht nur betrachtet, sondern imaginiert: als Symbol einer vermeintlich bewahrten Welt und als Sehnsuchtsort für das Gewachsene und Dauerhafte.
Dabei war Rothenburg nie nur idyllische Kulisse. Wirtschaftlicher Wandel, religiöse Konflikte und gesellschaftliche Umbrüche gehören ebenso zu seiner Geschichte wie der Dreißigjährige Krieg, der politische Bedeutungsverlust nach dem Ende der Reichsstadtzeit und die schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.
Gerade der Wiederaufbau nach 1945 stellte eine grundsätzliche Frage: Wie kann eine historische Stadt mit ihrer Vergangenheit weiterleben, ohne selbst zum Museum zu werden?

Wenn die Nachtwache beginnt
Rothenburg hat darauf seine eigene Antwort gefunden. Die Stadt bewahrte ihre historische Gestalt und blieb dennoch lebendig. Besonders eindrucksvoll lässt sich das am Abend erleben, wenn die großen Besucherströme verschwunden sind.
Zu dieser Stunde gehört seit mehr als drei Jahrzehnten ein Mann, der für unzählige Gäste selbst zum Bestandteil Rothenburgs geworden ist: Hans Georg Baumgartner, der Rothenburger Nachtwächter.
Im April 1991 übernahm Baumgartner seine erste Führung. Aus der historischen Figur entwickelte er nach und nach „seinen“ Nachtwächter – nicht als bloßes Kostüm, sondern als erzählerischen Zugang zur Geschichte Rothenburgs.
Wir haben ihn selbst erlebt: diesen kuriosen Nachtwächter-Schauspieler mit Schalk im Nacken, der seine Zuhörer durch die Gassen führt und dabei Geschichte lebendig werden lässt. Schwarzer Umhang, Dreispitz, Hellebarde, Horn und Laterne gehören zur Inszenierung. Die eigentliche Stärke seiner Figur aber liegt in der Verbindung von historischem Wissen, Humor und Darstellungskunst.
35 Jahre lang war die Stadt seine Bühne.
Bis zu 200 Menschen begleiteten Baumgartner bei einzelnen Rundgängen. Gäste aus aller Welt verbanden ihre Erinnerung an Rothenburg fortan auch mit dieser Stimme aus der Nacht.
Der Nachtwächter wurde damit selbst ein Stück Stadtgeschichte und Baumgartner zu einem Botschafter Rothenburgs – bei seinen Führungen ebenso wie bei Veranstaltungen, Medienauftritten und offiziellen Anlässen, darunter der Reiterlesmarkt und die Reichsstadt-Festtage.
Eine Ära endet
Nun endet diese außergewöhnliche Karriere. Am 31. Oktober 2026 um 20 Uhr und 21.30 Uhr wird Hans Georg Baumgartner seine letzten beiden Runden durch die Rothenburger Altstadt drehen.
Doch der Nachtwächter soll weiterleben.
Rothenburg ob der Tauber sucht einen neuen Nachtwächter.
Gesucht wird eine Persönlichkeit, die der historischen Figur eine eigene Stimme gibt und sie weiterentwickelt: mit schauspielerischem Gespür, historischem Interesse, Freude am Erzählen und vor allem mit der Fähigkeit, Menschen aus aller Welt für Rothenburg zu begeistern.
Die Bedeutung der Figur reicht längst weit über die Stadtgrenzen hinaus. Besucher aus den USA, Kanada oder Australien kommen nach Rothenburg, um den „Original Rothenburg Nightwatchman“ zu erleben. Selbst international ist die Figur medial präsent und war unter anderem bei NBC sowie beim brasilianischen Fernsehsender Globo zu sehen.
Nun braucht die Stadt eine neue Stimme für die Nacht – einen Erzähler, der seine Gäste auf eine Reise durch Geschichte, Erinnerung und Gegenwart mitnimmt.
Denn Geschichte bleibt nur lebendig, wenn sie immer wieder neu erzählt wird.
Aussteiger gesucht?
Vielleicht ist es also Zeit für einen Berufswechsel: Schreibtisch gegen Kopfsteinpflaster, Laptop gegen Laterne, Business-Sakko gegen schwarzen Umhang.
Zum Frühjahr 2027 wird ein Darsteller (m/w/d) für die Rolle eines vormodernen Nachtwächters aus Mittelalter beziehungsweise Früher Neuzeit gesucht. Die Rolle ist als männliche historische Figur angelegt.
Bewerbungsschluss ist der 31. August 2026.
Weitere Informationen zur Ausschreibung gibt es bei der Stadt Rothenburg ob der Tauber.




