Eine kleine Hommage an die grüne Magie der Natur und wie JahrhunÂdertkoch Eckhart Witzigmann zu Bärlauch fand.
Er kommt leise, auf ZehenÂspitzen und meist über Nacht. Noch nie ist es einem Menschen gelungen, ihn zu ertappen. Auf einmal ist er da, man riecht ihn und fühlt ihn: IHN, den Frühling, den herzlich willkomÂmenen Erneuerer des Jahres und der Sinne. Die Erdkruste beginnt sich zu erwärmen und die Gefühle dehnen sich. Die KörperÂchemie verändert sich mit der Folge, dass die schwere BratenÂpfanne weggelegt wird und die Lust auf heitere, ja frivole Weißweine die auf kapitale Rote zumindest zeitweilig überwiegt.
Der Mensch geht, wie von einem geheimÂnisÂvollen Trieb bewegt, auf den Markt, in den Garten oder in die Natur, wo zartwürzige Kräuter, sich skurill spreiÂzender Löwenzahn, Bärlauch und junger Knoblauch ahnungsvoll nach der neuen Saison duften. Man muss kein dickes KräuterÂleÂxikon studiert haben, um zu wissen, dass die grünende Natur eine große Apotheke ist und der wunderÂbarste SelbstÂbeÂdieÂnungsÂmarkt für gesundÂheitsÂbeÂwusste Feinschmecker. Ein paar GrundÂkenntÂnisse, ein offenes Auge und ein TaschenÂmesser genügen, um im Frühling und Sommer bei SpazierÂgängen über Wiesen und durch Wälder essbare Wildpflanzen zu ernten. Gesät hat der liebe Gott: BrennÂnessel, Bärlauch, Löwenzahn, GänseÂblümchen, BrunnenÂkresse, SauerÂampfer, WiesenÂkerbel, SpitzÂweÂgerich &Co.
Bärlauch
Allein schon der Bärlauch verdient eine Hymne. An ihm, dem vor wenigen Jahren noch VernachÂläsÂsigten, kommt heute kein Koch mehr vorbei; auf den Märkten wird er bündelÂweise gepriesen wie das WunderÂkraut schlechthin. Was ist das Geheimnis dieser Karriere? Im Gegensatz zu ZitroÂnengras und anderen asiatiÂschen Würzmitteln, die ebenfalls seit Jahren küchenÂpoÂliÂtisch populär sind, aber nach den ersten modischen ErfolgsÂwellen in der Gunst des Publikums langsam an Reiz einbüßen, wird dem Bärlauch jedes Jahr aufs Neue mit Pomp gehuldigt. Von der CremeÂsuppe bis zum Sorbet – in diesen Wochen gibt es kein Entrinnen, der Bärlauch ist schon da!
Bärlauchöl
Man nehme sechs Hände voll BärlauchÂblätter, eventuell ergänzt um einige BärlauchÂzwiebeln, schneide alles in grobe Stücke, schichte es in ein großes Glas, fülle großzügig mit etwa einem Liter Olivenöl auf, verschließe das Gefäß und laß es an kühlem und dunklem Ort stehen; nach persönÂlichem GeschmacksÂempÂfinden kann man etwas klein gezupften Rosmarin oder Oregano hinzu fügen. Nach ungefähr einem Monat ist das Bärlauch-Aroma ins Öl übergeÂgangen. Nun kann man es – inklusive der Kräuter oder abgeseiht – in dunkle Flaschen umfüllen. Es eignet sich ideal zum AromaÂtiÂsieren von Marinaden, Saucen und Suppen.
Dank des milden Winters ist das Kraut mit dem zwar deutlich wahrnehmÂbaren, doch insgesamt doch eher diskreten Knoblauch-Aroma schon früh zu haben. Der Bärlauch ist tatsächlich ziemlich universal einsetzbar. Bärlauch gefällt als Suppe, macht Salate und Aufläufe pikanter. Er schmeckt auch herrlich pur, grob gehackt und großmütig aufs Butterbrot drapiert oder, angereiÂchert mit Sahne, als Suppe.

Reizvoll gibt er sich als Pesto und als Aufstrich. Letzteres wird so hergeÂstellt: 100 Gramm Butter schaumig streichen und mit 400 Gramm Quark glatt rühren, dann 200 Gramm fein geschnitÂtenen Bärlauch behutsam darin verrühren, mit Salz, Pfeffer und ZitroÂnensaft abschmecken. Das Ganze dann der Optik wegen mit gehacktem Bärlauch bestreuen und aufs Schwarzbrot streichen.
Heinz Winkler liebte Bärlauch zu Lamm
Heinz Winkler, der große Koch aus Aschau („Ich liebe Bärlauch“), verwendete zu Lebzeiten den klassiÂschen FrühlingsÂblüher, kurz in Butter geschwenkt, als Beilage zu Lammbraten.
Und Eckart Witzigmann, der GrandÂseiÂgneur der Gastro-Kultur und 1979 als erster Koch in Deutschland mit den drei Sternen vom „Micheln“ geadelt, erzählt gerne die Geschichte, wie er zufällig zum Bärlauch fand. Er spazierte mit Henri Levy, seinem Berliner Kollegen, durch den EngliÂschen Garten in München, als sein Hund sich plötzlich merkwürdig verhielt, bellte und aufgeregt an Blättern schnupÂperte, die MaiglöckÂchengrün glichen.
Komisch, es roch nach Knoblauch, was mochte das sein? Levy nahm einige Blätter nach Berlin mit, ließ sie im BotaniÂschen Institut unterÂsuchen und meldete seinem Freund, es sei Bärlauch. Bärlauch? Witzigmann: „Sofort wälzte ich alte Kochbücher und begann, mit dieser in VergesÂsenheit geratenen Pflanze zu experiÂmenÂtieren.“
Das war vor 40 Jahren, heute wird Bärlauch in der trendigen RegioÂnalÂküche so selbstÂverÂständlich genutzt wie SchnittÂlauch oder eben Knoblauch, sein olfakÂtoÂriÂscher Verwandter. Die Germanen rühmten den Bärlauch als Kraut, das die Macht des Winters bricht. Einer Legende zufolge war das „Lauch des Bären“ sogar die erste Pflanze, mit der sich die namenÂgeÂbenden Tiere nach dem WinterÂschlaf gestärkt haben sollen. Genau wie seine botaniÂschen Verwandten kann Bärlauch als Gemüse‑, Gewürz- und Heilpflanze genutzt werden. In der VolksÂmeÂdizin nutzt man Bärlauch als Heilpflanze gegen Magen- und DarmbeÂschwerden, er soll den Blutdruck senken und vorbeugend gegen HerzinÂfarkt wirken. Sein hoher Gehalt an schweÂfelÂhalÂtigen VerbinÂdungen macht ihn ähnlich wirksam wie Knoblauch, ohne dass er probleÂmaÂtiÂschen Atem verurÂsacht. Das Kraut ist reich an Vitamin C, an Eisen, Magnesium und Mangan. Wer sich selber auf die FrühlingsÂpirsch begibt, um wilden Bärlauch zu pflücken, sollte allerÂdings auf der Hut sein, denn es gibt zwei todesÂgeÂfährÂliche VerwechsÂlungsÂkanÂdiÂdaten: das Maiglöckchen sowie die HerbstÂzeitlose.
GänseÂblümchen, Löwenzahn & Co.
GänseÂblümchen schmücken und würzen KartofÂfelÂsuppen. Der Löwenzahn mit dem edelbitÂteren Aroma macht sich auch gut mit lauwarm angerichÂteten KartofÂfelÂsalat, dem ein Schuß RindsupÂpenÂessenz die rechte Würze verleiht. Die jungen, zarten Blätter des SauerÂampfers bereiÂchern Salate, Suppen, Saucen. Kleine Brennessel sind delikat als Gemüse (wie Spinat), vermitteln aber auch, klein gehackt, Suppen und Salaten ihr speziÂelles Aroma. BrunnenÂkresse: prickelnde Würze zu Salaten, für Quark, Kartoffeln, hellen Saucen – obendrein sehr gesund, weil reich an Vitaminen, Eisen, Jod. Außerdem soll dieses gesamÂmelte Grün, wie es in einem Kräuterbuch aus dem 16. Jahrhundert verheiÂßungsvoll heißt, selbst notorische Zecher am Morgen danach „munter und wacker“ machen. Wie schön! Das ist die Magie des Grünen und der Blüten, die uns jedes Jahr aufs Neue erfasst. Die WinterÂschlacke löst sich, die Seele öffnet sich und aus der Küche künden 1001 Aromen vom Frühling, dem großen Charmeur.




