Rosé-Champagner: Luxus in Pink

09.03.2024
Sanjin

Lesedauer: 4 Minuten

Man spricht von rosaroten Keller­kindern, auch von schäu­mendem Pink und meint damit, ein bisschen vernied­li­chend, die Familie der Rosé-Champagner. Manche Weinfreunde betrachten jeglichen Rosé, ob still oder moussierend, nur mit arrogant hochge­zo­gener Augen­braue. Das ist zu puris­tisch gedacht. Auch wenn viele Kenner, vor die Wahl gestellt, den Abend nur mit hellem oder nur mit rosarotem Champagner zu begießen, ohne langes Zögern der blassen Variante den Vorzug geben, so gibt es doch Stimmungen, zu denen ein Rosé am besten passt. Und Rosé-Champagner sind vorzüg­liche Partner zu Wildpas­teten, Fleisch­ge­richten, fruch­tigen Desserts sowie Ziegenkäse in allen Varia­tionen. 
Obendrein sieht er festlich aus. Dennoch ist der Rosé das jüngste Kind der Champagne, erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann diese rosarote Erfolgs­ge­schichte. Bis dahin hieß es katego­risch, Champagner habe weiß zu sein, jeden­falls nicht rot.

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Namhafte Kelle­reien wie Pol Roger haben erst sehr spät einen Champagner in Rosé aufgelegt – Krug, immerhin bereits 1843 und übrigens von einem Deutschen gegründet, startete gar erst 1983 mit einem Rosé ohne Jahrgang, dann aber gleich auf hohem Niveau und entspre­chend teuer: um die 300 Euro kostet eine Flasche. Auch andere Prestige-Rosés, etwa ein Cristal von Roederer oder der Dom Perignon sind mit über 300 Euro pro Bouteille deutlich teurer als ihre weißen Pendants. Generell muß für einen Rosé mehr als für eine weiße Cuvée berappt werden. Auch wenn sich Rosé-Champagner inzwi­schen längst etabliert hat, so ist die Nachfrage höher als das Angebot.

 

Gewiß gibt es unterhalb dieser Preis-Elite feine Rosés; so mancher leckere Winzer-Champagner ist schon um die 40 bis 50 Euro zu haben, erhältlich in der Regel bei spezi­ellen Weinhändlern oder übers Internet. Vorzüg­liche Rosés mit und ohne Jahrgang zwischen 40 und 70 Euro bieten: Deutz, Gosset (Grand Rosé), Taittinger (sehr fein, komplex angelegt und freilich entspre­chend höher im Preis mit ca. 125 Euro ist der Comtes de Champagne), Fleur de Champagne von Duval-Leroy, Billecart-Salmon, Alfred Gratien (mit der Cuvée Paradis). Hochwertig ist auch der schlicht „Cuvée Rosé Brut“ genannte Schäumer von Laurent-Perrier, ein Champagner von klarer Distinktion. Eine Klasse für sich aus dem gleichen Haus ist die etwas pompös „Cuvée Grand Siècle Alexandra Rosé“ genannte Kompo­sition, eine Hommage an die Töchter des Firmen­chefs: zarte Aromatik, wunder­barer Duft nach gequetschten Walderd­beeren – ein Rosé wie eine Ahnung von Morgen­däm­merung.

Über Finesse verfügen: Rosé-Jahrgang von Roederer (stets mehr Eleganz als schiere Kraft), der Grand Cru Brut von Mailly (eine sehr kleine und hochfeine Genos­sen­schaft mit indivi­du­ellen Cuvées; beim Rosé werden ca. 90 Prozent „weiß“ gekel­teter Rotwein mit 10 Prozent Chardonnay gemischt, die Cuvée besticht durch komplexe Aromen von klarer Stilistik in einem festen Körper), Cuvée William Rosé von Deutz (aufgelegt zu Ehren von William Deutz, dem in Aachen geborenen Firmen­gründer, kompo­niert aus zwei Drittel Pinot noir sowie einem Drittel Chardonnay, ein kraft­voller Typ mit dichtem Frucht­körper), Pascal Doquet, ein Premier Cru (fein ziseliert, mit rassiger Herbe), J.M. Gobillard & Fils (füllig, beerig, delikat mit sanfter Süße), Jaquesson Grand Vin Signature mit Jahrgang (ernsthaft, dicht­fruchtig, nachhaltig am Gaumen).

Zur Herstellung eines Rosés stehen den Keller­meistern zwei Methoden zur Verfügung. Beim tradi­tio­nellen, doch kompli­zier­teren und seltener angewandten Verfahren namens „Saignée“ (heißt wörtlich übersetzt so viel wie Aderlaß, herge­leitet von saigner für bluten) läßt man die zermatschten Beeren mitsamt den Häuten, in denen allein der Farbstoff steckt, für eine bestimmte Zeit, eher Stunden als Tage, in der Maische, bevor der Saft abgezogen wird. Der hellro­sa­farbene Most wird dann von den Häuten, Kernen und dem ausge­pressten Frucht­fleisch separiert und wie jeder andere Wein vergoren. Je geringer die Ziehzeit ist, desto blasser wird die Farbe und desto zarter die Aromatik – das ist wie beim Tee. Es gehört viel Erfahrung und Finger­spit­zen­gefühl dazu, präzise das ideale Zeitmaß zu treffen: wird die Maische zu lange ausge­laugt, bekommt der Most nämlich zu viel Farbe und harte Gerbstoffe, auch Tannine genannt. Beläßt man den Beerensaft indes zu kurz auf der Maische, gerät der Rosé farblich zu blaß und geschmacklich zu ausdruckslos.

Einfacher ist deshalb die Methode, die Rotwein­trauben wie zur Herstellung eines hellen Champa­gners so schonend und schnell abzupressen, dass der Saft trans­parent und farblos abfließt. Aus diesem „weißen“ Champagner wird dann durch die Zugabe einer vom Keller­meister bestimmten Dosis Rotwein ein Rosé. Die meisten Kelle­reien bedienen sich dieses Verfahrens, das für sie den Vorteil hat, dass man den Farbton des Rosés nach Wunsch treffen kann, wie ausge­sucht anhand einer Rosé-Skala. Außerdem wird das Risiko von unerwünschten Gerbstoffen vermieden. Nach der klassi­schen Art berei­teter Rosé – wie beispiels­weise jener von Laurent-Perrier – wird von Kennern freilich höher einge­schätzt, weil er in der Regel über eine besonders subtile Aromatik verfügt. Die mit Rotwein dosierten Cuvées haben oft eine markante beerige Note, die mitunter zu süßlich schmeckt und wie parfü­miert wirkt.

Generell verfügen Rosés über mehr Körper als die hellen Champagner. Dies gilt vor allem für jene Cuvées, die nur aus den rotbeerigen Rebsorten Pinot Noir und Pinot Meunier gemacht worden sind. Jede Kellerei hat ihren Stil und ihre Methode. Die eine vinifi­ziert den Rosé zu hundert Prozent aus roten Pinot-Trauben; eine andere mischt rote Pinots mit weißem Chardonnay, macht daraus einen hellen Champagner, dem durch den Zusatz von stillem Rotwein das Rosa in der erwünschten Konzen­tration vermittelt wird. Laurent-Perrier mengt seinem Grand Siècle Alexandra beispiels­weise eine kleine Menge von etwa 15 Prozent Chardonnay bei – dadurch will man die Finesse erhöhen. Erlaubt ist und prakti­ziert wird auch eine Kombi­nation aus beiden Verfahren.

Ein spezi­elles Kapitel ist die Farbe. Die Rosa-Tönung kann jeder Keller­meister durch die Art der Vinifi­kation (der Farbstoff befindet sich nur in den Beeren­häuten) oder/und die Dosis Rotwein bestimmen. Als Ideal­farbe gilt Kennern ein helles, leicht ins Gräuliche spielende Rosa – „Oeil de perdix“ sagen die Franzosen dazu, Rebhuhnauge. Weitere positiv belegte Farbbilder sind Lachsrosa und Zwiebel­schale. Dunkel­farbige Rosés sind oft „rotwei­niger“ im Geschmack, manchmal auch nur süßer.

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