Tsche­chien als Ehrengast auf der Frank­furter Buchmesse 2026

Karl-F. Lietz

Lesedauer: 4 Minuten

Nicht am Meer und trotzdem „Ein Land an der Küste“: Unter diesem von Shake­speares „Winter­märchen“ inspi­rierten Motto präsen­tiert sich Tsche­chien als Ehrengast der 78. Frank­furter Buchmesse im Herbst 2026. Die imaginäre Küste schlägt eine Brücke zur inter­na­tio­nalen Litera­turwelt und zu Geschichten, die von den Buchseiten mitten hinein nach Tsche­chien führen. Ein guter Zeitpunkt, ein Buch aufzu­schlagen und sich auf eine Reise zu begeben.
75 tsche­chische Autoren vertreten vom 7. bis 11. Oktober 2026 auf der Frank­furter Buchmesse ihr Heimatland, darunter Jaroslav Rudiš, Alena Mornš­ta­jnová, Radka Denemarková und Jáchym Topol. In der Buchaus­stellung „Books on Czechia“ im Ehrengast-Pavillon stellen Verlage aus aller Welt aktuelle Titel rund um Tsche­chien vor. Lesungen, Debatten, Theater- und Musik­ver­an­stal­tungen ergänzen das Programm. Teil des „Jahres der tsche­chi­schen Kultur in den deutsch­spra­chigen Ländern“ ist die Ausstellung More is NOW! Neue tsche­chische Archi­tektur im Deutschen Archi­tek­tur­museum Frankfurt. Vom 19. September 2026 bis 17. Januar 2027 zeigt sie 28 zeitge­nös­sische Projekte vorwiegend jüngerer tsche­chi­scher Planer. Im Mittel­punkt steht ihr Umgang mit Landschaft und histo­ri­schem Erbe sowie neue Techno­logien und gesell­schaft­liche Verän­de­rungen.
Die Stadt, die Schrif­st­steller nicht loslässt
„Dieses Mütterchen hat Krallen.“ Prag ist untrennbar mit Franz Kafka verbunden. Doch die Literatur, die sich auf die geheim­nis­volle Stadt bezieht, reicht weit über das Werk eines einzelnen Autors hinaus. Bis heute inspi­riert die tsche­chische Haupt­stadt inter­na­tionale Bestseller und dient als Kulisse für Romane und histo­rische Erzäh­lungen – zuletzt für den Sci-Fi-Thriller „The Secret of Secrets“ (2025) von Dan Brown. Wer den Spuren seiner Figur Robert Langdon folgen möchte, begibt sich ins jüdische Viertel und zur Prager Burg. Anlässlich der Kampagne „Lesen Sie in Prag wie in einem Buch“ führt eine illus­trierte Karte zu litera­ri­schen Orten wie dem Café Louvre, in dem einst Kafka oder Rilke saßen. Das Café Slavia wiederum erinnert mit dem Frühstücks­cocktail „Death before noon“ an Hemingway. Besonders lebendig wird Prag in den Gedichten des bislang einzigen tsche­chi­schen Literatur-Nobel­preis­trägers (1984) Jaroslav Seifert (1901–1986) – vor allem in den Altstadt­gassen, Innen­höfen und im ehema­ligen Arbei­ter­viertel Žižkov, wo er lange lebte.
Wenn Autoren zu Reise­be­gleitern werden
Brünn: Mährische Metropole zwischen Literatur, Archi­tektur und leben­diger Kultur­szene, außerdem die Geburts­stadt von Bohumil Hrabal und Milan Kundera. © CzechTourism/MARK BBDO, CzechTourism/Libor Svacek
Brünn, die zweit­größte Stadt Tsche­chiens, ist der Geburtsort zweier weiterer bedeu­tender tsche­chi­scher Schrift­steller: Bohumil Hrabal (1914–1997) und Milan Kundera (1929–2023). Hrabals Bücher finden weltweit Anklang und dienten als Vorlage für einige Verfil­mungen. In der Siedlung Kersko in Mittel­böhmen verbrachte er mit seiner Frau Eliška viel Zeit in ihrem Wochen­endhaus, dessen Umgebung immer wieder in seinen Geschichten vorkommt und heute ein Museum ist. Auch Milan Kunderas Werke wie „Die unerträg­liche Leich­tigkeit des Seins“ zählen zu den meist­ge­le­senen Büchern der modernen europäi­schen Literatur. 2023 wurde in Brünn die Milan-Kundera-Bibliothek eröffnet. Weiter hinaus aus den größeren Städten führen die Geschichten von Autor Jaroslav Rudiš (u. a. „Winter­bergs letzte Reise“), der sein Heimatland auch bei der Frank­furter Buchmesse 2026 reprä­sen­tiert. Seine Erzäh­lungen spielen unter anderem im Böhmi­schen Paradies oder in Liberec. In „Gebrauchs­an­weisung für Bier“ und „Gebrauchs­an­weisung fürs Zugreisen“ verbindet der zweispra­chige Autor, der zwischen seiner Wahlheimat Berlin und Böhmen pendelt, seine Leiden­schaft für Bier und Eisen­bahnen. Besonders eindrücklich lassen sich seine Geschichten daher vom Zugfenster aus erleben.
Drei Frauen, drei litera­rische Landkarten
Walachei und Alvater­ge­birge: Wo Landschaften Geschichten erzählen – zwischen mähri­schen Tälern und den Bergen im Osten Tsche­chiens. © Czech­Tou­ris­m/­Mo­ravian-Silesian Tourism, CzechTourism/Jeseniky sdruzeni
Kateřina Tučková, Alena Mornš­ta­jnová und Markéta Pilátová zählen zu den prägendsten Stimmen der tsche­chi­schen Gegen­warts­li­te­ratur und sind ebenfalls bei der Frank­furter Buchmesse 2026 vertreten. Ihre Herkunft aus Mähren eint sie ebenso wie die enge Verbindung ihrer Werke zu den Landschaften und Städten dieser Region. Sie zeigen ein litera­ri­sches Tsche­chien, das weit über Prag hinaus­reicht und seine Geschichten in Städten, Bergen, Grenz­re­gionen und Landschaften findet. Tučková erzählt in ihren Büchern von Brünn, den Weißen Karpaten sowie dem Reichen­steiner Gebirge und kehrt selbst immer wieder an die Orte zurück, die ihre Romane inspi­rierten. Mornš­ta­jnová, eine der meist­ge­le­senen Autorinnen Tsche­chiens, ist eng mit ihrer Heimat­stadt Valašské Meziříčí und der Landschaft der Walachei verbunden, die auch in ihrem Roman „Hana“ eine zentrale Rolle spielt. Pilátová wiederum verbindet ihre Erfah­rungen aus zwölf Jahren in Argen­tinien und Brasilien mit ihrer Verbun­denheit zu den tsche­chi­schen Bergen. Zu ihren litera­ri­schen Orten gehören das Alvater­ge­birge, Velké Losiny und die UNESCO-Städte Krooměříž und Litomyšl.
Über Tsche­chien. Wer die goldene Mitte Europas erkundet, begegnet einem Land, das Geschichte und Moderne vereint: Städte wie Prag, Brünn oder Ostrava gelten mit ihren histo­ri­schen Zentren und visio­närer Archi­tektur als Zeitzeugen – damals wie heute. Entlang der 817 Kilometer langen deutsch-tsche­chi­schen Grenze lässt die Natur beide Seiten eins werden. Während sich der dicht bewachsene Böhmerwald mit seinen Moorge­bieten bis ins Bayerische erstreckt, birgt die Sächsisch-Böhmische Schweiz Wanderwege zu bizarren Sandstein­for­ma­tionen. Auch im Landes­in­neren zeigt Tsche­chien mit dem mysti­schen Riesen­ge­birge, weniger bekannten Skiorten oder dem Natur­schutz­gebiet Pollauer Berge viele Facetten. Karlsbad, Marienbad und Franzensbad, als westböh­mi­sches Bäder­dreieck berühmt und ebenfalls UNESCO-Welterbe, zählen seit 2021 zu den „Great Spa Towns of Europe“. Die reiche Geschichte lässt sich anhand der Burgen- und Schlös­ser­land­schaft nur erahnen, dazu zählen fast 2.000 Bauwerke wie die Prager Burg oder Schloss Český Krumlov. Doch Tsche­chiens Erbe lebt nicht nur in Mauern, sondern auch in Gläsern. So etwa in Pilsen, Wiege der Bierbrauerei oder in Brünn, Zentrum der mähri­schen Weintra­dition – mit jahrhun­der­te­alten Bräuchen, die bis heute gepflegt werden.

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