Wie sich die Rolle des Restaurantkritikers verändert hat – und warum SAVOIR VIVRE heute nur Restaurants vorstellt, die einen Besuch wert sind.
Ein Restaurantbesuch konnte früher für den Küchenchef ein Nachspiel haben, das weit über einen enttäuschten Gast hinausging. Wenn Wolfram Siebeck oder Gert von Paczensky zur Feder griffen, wurde aus einer misslungenen Sauce, einem übergarten Gemüse oder einem großspurigen Menü mitunter ein kleines literarisches Ereignis. Ihre Urteile waren kenntnisreich, scharf und häufig so unterhaltsam, dass man sie auch dann las, wenn man das besprochene Restaurant niemals besuchen würde.
An diese Zeit erinnern Eva Gritzmann und Denis Scheck in ihrem Buch Leibspeisen. Eine kulinarische Biographie Deutschlands. Im Kapitel „Den Leuten die Wahrheit sagen – Die Stimme der Kritik“ würdigen sie jene Autoren, die das deutsche Küchenwunder publizistisch begleiteten. Ihr Ausgangspunkt: Der Aufstieg der deutschen Gastronomie war auch ein Verdienst der Menschen, die darüber schrieben.
Die Kritiker als kulinarische Aufklärer
Klaus Besser, Wolfram Siebeck und Gert von Paczensky waren mehr als Restauranttester. Sie vermittelten Maßstäbe in einem Land, dessen gastronomischer Ehrgeiz sich erst entwickeln musste. Ihre Leser erfuhren, weshalb ein sorgfältig angesetzter Fond einer Sauce aus dem Brühwürfel überlegen ist, was ein gutes Produkt auszeichnet und warum Frische und handwerkliche Präzision ihren Preis haben.
Frankreich war dabei ihr großer Bezugspunkt. Die Autoren von Leibspeisen beschreiben die drei Kritiker als frankophile Genießer, deren Geschmack sich in den Spitzenrestaurants Frankreichs und Belgiens geschult hatte. Die Nouvelle Cuisine lieferte ihnen neue Argumente: für bessere Zutaten, feinere Zubereitungen und eine Küche, die sich von schwerer Routine befreite.
Klaus Besser schuf mit Preisen und seinem 1978 gegründeten Besser’s Gourmet Journal zusätzliche Aufmerksamkeit für die Kochkunst. Wolfram Siebeck gab dem Aufbruch eine besonders wirkungsvolle Sprache. Den Begriff „deutsches Küchenwunder“ führen Gritzmann und Scheck auf seinen 1975 erschienenen Artikel über Eckart Witzigmann im Tantris zurück. Gert von Paczensky verband sein journalistisches Temperament mit umfassender kulinarischer Bildung.
Ihre Kritik konnte unbequem sein. Sie sollte es auch. Wer große Ansprüche erhob, musste sich daran messen lassen. Das Lob bekam durch die Möglichkeit des Verrisses sein Gewicht.
Genuss braucht eine Sprache
Spätere Stimmen entwickelten diese Arbeit weiter. Jürgen Dollase erweiterte das sprachliche Instrumentarium der Gastrokritik und rückte das genaue Zusammenspiel von Geschmack, Konsistenz und Wahrnehmung ins Zentrum. Gritzmann und Scheck nennen außerdem Jakob Strobel y Serra in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie Susanne Kippenberger und Bernd Matthies im Berliner Tagesspiegel.
Auch Martina Meuth und Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer gehören in diese Geschichte der kulinarischen Vermittlung. Mit Fernsehsendungen, Büchern und Kochkursen machten sie Wissen über Produkte und Zubereitungen einem breiten Publikum zugänglich. Restaurantführer wie Michelin und Gault&Millau ergänzten die persönlichen Stimmen durch ihre Bewertungssysteme.
So unterschiedlich diese Zugänge waren: Sie halfen den Lesern, genauer hinzusehen und bewusster zu genießen. Ein guter Kritiker erklärte, weshalb ein Gericht gelang. Er gab dem Geschmack Worte und dem Urteil nachvollziehbare Gründe.
Was Leser heute von einem Restaurantbericht erwarten
Aus dieser Geschichte ergibt sich für ein Genussmagazin heute eine neue Gewichtung. Ein Restaurantbericht soll die Entscheidung erleichtern: Wo lohnt es sich, einen Tisch zu reservieren? Welches Haus passt zu einem besonderen Abend, welches zu einem entspannten Essen auf Reisen? Was zeichnet die Küche aus, wie aufmerksam ist der Service, wie interessant die Weinkarte?
Der scharf formulierte Verriss besitzt weiterhin seinen Unterhaltungswert. Für die konkrete Planung eines schönen Abends ist jedoch eine begründete Empfehlung hilfreicher. Wer Zeit und Geld in einen Restaurantbesuch investiert, möchte wissen, wo beides gut angelegt ist.
Hier setzt die redaktionelle Haltung von SAVOIR VIVRE an. Unsere Leser wünschen sich Tipps und Informationen über lohnende Adressen. Deshalb veröffentlichen wir heute keine negativen Restaurantkritiken mehr. Häuser, die wir negativ beurteilen müssten, nehmen wir nicht in unsere Restaurantberichte auf.
Die Auswahl ist Teil des Urteils
Diese Entscheidung verlangt sorgfältige Auswahl. Ein Restaurant erhält seinen Platz im Magazin, weil es unseren Lesern etwas zu bieten hat. Das kann eine herausragende Küche sein, aber ebenso ein überzeugendes regionales Konzept, eine ungewöhnlich gute Weinauswahl oder eine Gastfreundschaft, die einen Aufenthalt besonders angenehm macht.
Dabei braucht nicht jedes Haus Sterneambitionen. Ein Gasthof, der seine wenigen Gerichte mit guten Zutaten und sicherem Handwerk zubereitet, kann eine ebenso wertvolle Empfehlung sein wie ein aufwendig inszeniertes Spitzenrestaurant. Entscheidend ist, dass Anspruch, Leistung und Erlebnis zusammenpassen.
Eine hilfreiche Empfehlung bleibt deshalb konkret. Sie beschreibt Küchenstil, Atmosphäre, Preisniveau und die Besonderheiten des Hauses. Sie macht erkennbar, für welchen Anlass und für welche Erwartungen sich ein Besuch eignet. Pauschale Begeisterung hilft dem Leser wenig; nachvollziehbare Gründe helfen ihm weiter.
Dass ein Restaurant in SAVOIR VIVRE nicht vorkommt, ist umgekehrt kein negatives Urteil. Eine Redaktion kann und muss auswählen. Viele gute Häuser sind noch zu entdecken.
Der Anspruch der großen Kritiker bleibt dabei lebendig: genau beobachten, Qualität erkennen und verständlich darüber schreiben. Verändert hat sich für SAVOIR VIVRE die Konsequenz daraus. Wir konzentrieren uns auf die Adressen, die wir empfehlen können. Unsere Leser sollen nach der Lektüre wissen, worauf sie sich freuen dürfen.
Demnächst in SAVOIR VIVRE: Wir stellen Ihnen das wundervolle Buch Leibspeisen. Eine kulinarische Biographie Deutschlands von Eva Gritzmann und Denis Scheck ausführlich vor. Mit Wissen, Witz und spürbarer Freude am Genuss erzählen die beiden von den Gerichten, Köchen und Kritikern, die unsere Esskultur geprägt haben – eine anregende Lektüre für alle, die gutes Essen lieben und seine Geschichten entdecken möchten.
Bildnachweis © Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag




